Fragen an Werner Stötzer:
Mehli:
Guten Tag Herr Prof. Stötzer. Ich bin immer sehr neugierig. Erst seit ein paar Wochen kenne ich Ihre Steinskulptur in der Ravensburger Innenstadt. Und jemand hat mir erzählt, dass sie den Titel trägt: "Sitzende - Wanderung an kleinen Bächen". Stimmt das?
Antwort Werner Stötzer:
Da hast du aber lange gebraucht, die Skulptur zu sehen. Immerhin steht sie seit mehr als zwanzig Jahren an derselben Stelle. Sie hat den Titel "Sitzende - Wanderung an kleinen Bächen", nach dem Wandern sitzt man gerne!
Mehli:
Ganz oben in der Ravensburger Friedhofstraße vor dem Grundstück des Ehepaares Selinka steht noch ein Werk von Ihnen. Zwei Frauen aus Bronze stellen die Flüsse Werra und Saale dar. Gehören für sie Flüsse, Bäche und Frauen zusammen?
Antwort Werner Stötzer:
Die Saale und die Werra sind nicht männlich, also weiblich, weil ich aber Flüsse nicht in Bronze abbilden kann, bilde ich sie verfremdet als Frauen.
Mehli:
Ihre Figur aus Sandstein in Ravensburg war mal ein Grabstein, ist das wahr? Wo findet man denn alte Grabsteine?
Antwort Werner Stötzer:
Grabsteine findet man auf oder neben Friedhöfen. Die ich gefunden habe, hat mir ein dörflicher Pfarrer auf der Insel Rügen, in Vilmnitz, gegeben.
Mehli:
Ist die Steinfigur nicht ganz fertig geworden, weil Sie es nicht wollten? Warum?
Antwort Werner Stötzer:
Für mich ist die Figur fertig gewesen, sonst hätte ich sie nicht aufgestellt. Wer meint, sie wäre unfertig, dem kann ich nur sagen: FERTIG ist ein schlimmes Wort in der Kunst!
Mehli:
In dem Text über Sie habe ich auch gelesen, dass sie mit dem Stein sprechen, wenn Sie an ihm arbeiten. Sprechen Sie leise mit ihrem "Freund", dem Stein oder haben Sie auch schon mal richtig geflucht?
Antwort Werner Stötzer:
Mit dem Stein rede ich, ich singe auch mit ihm, wenn ich an ihm arbeite, gibt er auch Klänge von sich, nämlich weil Stahl auf Stein schlägt, wir beide sind doch allein, und so teile ich ihm manches Mal meinen Kummer oder meine Freude mit.
Mehli:
Sie haben auch gesagt, der Stein habe Gesetze. Was für Gesetze meinen Sie? Woran erkennen Sie Stein-Gesetze?
Antwort Werner Stötzer:
Mit Steingesetz meine ich, man darf ihn nicht vergewaltigen, nicht gegen seine Natur sein, ihm die Form geben, die ihm gemäß ist.
Mehli:
Vor ein paar Jahren haben Sie noch eine zweite "Wanderung an kleinen Bächen" gemacht. Die Skulptur ist aus Marmor und kleiner als die in Ravensburg. Haben Sie den Ravensburger Stein vielleicht vermisst, weil Sie soweit entfernt von uns wohnen? Oder wandern Sie einfach gerne an kleinen Bächen?
Antwort Werner Stötzer:
Ich bin in meinem Leben sehr viel gewandert, im Sommer und im Winter, im Frühling und im Herbst, an Bächen, Flüssen und Strömen, an Seen und an Meeren. Da sind Stellen gewesen, da meinte ich, gerne an diese Stellen denkend: DA MUSS EINE SKULPTUR STEHEN
Mehli:
Lieber Herr Stötzer, danke, dass ich Sie so viele Löcher in den Bauch fragen durfte!
Antwort Werner Stötzer:
Danke auch an Dich.
Herzliche Grüße von Werner Stötzer

Fragen über Werner Stötzer an Gudrun Selinka aus Ravensburg:
Mehli:Hallo Frau Selinka, Ihr Mann und Sie leben schon lange mit Kunst und haben Künstler als Freunde. Werner Stötzer gehört zu diesen guten Künstlerfreunden. Was mögen Sie besonders gerne an ihm?
Antwort Gudrun Selinka:Vom ersten Tag unseres persönlichen Kennenlernens an wussten wir, dass Werner Stötzer eine große Bereicherung für unser Leben ist. Wir kennen ihn nun schon seit vielen Jahren, er hat uns oft besucht, mein Mann verbrachte wunderbare Tage zusammen mit ihm in seinem Atelier auf der Insel Rügen. Die abendlichen Gespräche in Albertshofen, bei einem guten Glas Wein, waren immer gute, anregende, oft nachdenklich machende Gespräche. Er ist ein äußerst liebendwürdiger Mensch und ein guter Freund.
Mehli:Werner Stötzer hat mir erzählt, dass die Skulptur in der Marktstraße mal ein Grabstein von der Insel Rügen war. In Ihrem Garten steht noch eine Skulptur von ihm und die war mal eine echte Säule. Wissen Sie, woher die stammt und was Werner Stötzer daraus gemacht hat?
Antwort Gudrun Selinka:In unserem Garten steht die "Große Sitzende" aus Sandstein. Eine Plastik, die Werner Stötzer in der Zeit von 1979 bis 1984 aus einer Sandsteinsäule der im Zweiten Weltkrieg völlig zerstörten Semper-Oper in Dresden bearbeitete. Sie ist 175 Zentimeter hoch.
Mehli:Sind Künstlerfreunde eigentlich "ganz normale" Freunde oder unterhalten Sie sich mit denen irgendwie anders?
Antwort Gudrun Selinka:Wenn wir Künstler im Laufe der Zeit persönlich kennen lernen, so entwickelt sich oft eine Freundschaft, man kommt sich näher, man besucht sich gegenseitig, schreibt sich Briefe, macht zusammen Reisen - Ausnahmen bestätigen die Regel - es gibt auch Künstler, die keinen besonders großen Wert darauf legen, den "Sammler" auch persönlich kennen lernen zu wollen.
Mehli:Macht es Sie glücklich, jeden Tag mit Kunstwerken umgeben zu sein oder haben Sie manchmal auch Angst darum, dass zum Beispiel ein Kunstwerk kaputt geht oder dass es geklaut werden könnte?
Antwort Gudrun Selinka:Dass wir uns mit unseren Kunstwerken umgeben können, macht uns sehr glücklich. Sie sind ein großer, bestimmender Teil unseres Lebens.
Mehli:Wenn man etwas sammelt, will man immer mehr haben. Ich weiß das von meinem Freund, der Briefmarken sammelt. Ist das beim Kunstsammeln auch so? Wann ist denn eine Kunstsammlung voll oder fertig? Oder ist sie das gar nie?
Antwort Gudrun Selinka:Eine Kunstsammlung ist und bleibt immer in Bewegung. Sie ist nie komplett. Sie ist mit Leben erfüllt, die Kunswerke. gehen zum Beispiel auf Ausstellungen im In- und Ausland, kommen nach einer gewissen Zeit wieder zurück. Es werden neue Werke dazu gekauft, alle Listen müssen immer aktuell sein.
Mehli:Danke für das Interview. Vielleicht werde ich auch mal Kunstsammler, langsam bekomme ich richtig Lust darauf!
Werner Stötzer: SAALE UND WERRA

Bei der Einweihung der Plastik „Saale und Werra“ in der Ravensburger Friedhofstraße hat es geregnet. Es war richtig ungemütlich an jenem 15. November 1990. Doch es kamen trotzdem Neugierige, um das neue Kunstwerk zu sehen. Werner Stötzer selbst hat den Leuten sein Kunstwerk erklärt. Das Sammlerehepaar Gudrun und Peter Selinka, die dieses Kunstwerk der Stadt gestiftet hatten, waren sehr glücklich darüber. Ich habe dir ein paar Sätze aus dem Text von Werner Stötzer abgeschrieben, denn sie sind richtig gut:
Werner Stötzer fängt an, aus seiner Kindheit zu erzählen. Er wuchs mit seinem Bruder in den Wäldern von Thüringen auf. In der Nähe gab es Quellen, zuerst ganz kleine Rinnsale, die dann mit der Zeit zu Bächen wurden und – wenn es ein Gefälle gab – sich sogar in kleine Wasserfälle und richtige Flüsse verwandelten. Seine Eltern erklärten ihm die Landschaft und zeigten nach Süden zu den Ebenen. Und der kleine Junge Werner begann zu träumen, als Erwachsener erinnert er sich zurück:
„Ich aber, das Kind, sah dazwischen immer die Flüsse, ihnen galt meine Aufmerksamkeit, sie verliefen zuerst, aus dem Gebirge kommend, schlängelnd, und sie verschwanden im Dunst der Ebenen fast geradlinig. Meine Phantasie malte Schiffe dazu, die nach langer Fahrt zum Meer finden würden. Später, so beschloss ich damals, würde ich ein solches Schiff finden, ich würde darauf fahren und ich würde das Meer, meinen Traum, sehen.“ Und die beiden Flüssen seiner Heimat, die Saale und die Werra, waren ihm für immer ans Herz gewachsen. Die stille Saale und die wilde Werra!
An den Ufern der Saale standen früher mächtige Burgen. Die Saale fließt als ruhiger Fluss durch die Landschaft und ist ein stolzer Fluss. Die Werra ist vor allem im Frühling gefährlich. Ihre Wassermassen reißen alles mit sich, der Fluss dehnt sich nach Westen aus und wird irgendwann zur Weser.
Kannst du bei der Skulptur die Saale von der Werra unterscheiden?