Fragen an Jörg Eberhard:
Mehli:
Hallo Herr Eberhard. Sie sind in Bad Waldsee geboren und haben dort auch Ihre Kindheit verbracht. Ich weiß, dass Sie immer noch regelmäßig und gerne zu Ihrer Familie nach Oberschwaben kommen. Was gibt es hier, was es in Düsseldorf, wo Sie jetzt leben, nicht gibt?
Antwort Jörg Eberhard:
Nun, in Oberschwaben bin ich aufgewachsen. All die Dinge und Bilder, die man als Kind sieht, tauchen das ganze Leben lang immer wieder auf und besonders dann, wenn man sich neue Bilder ausdenkt. Ich spaziere manchmal durch Bad Waldsee und versuche, Stellen zu entdecken, die noch so aussehen wie ich sie als Kind schon gesehen habe. Das sind nicht mehr viele und deshalb male ich in meine Bilder nicht selten etwas hinein, was ich vor langer Zeit gesehen habe.
Mehli:
Wenn Sie Bilder malen, denken Sie immer an Räume oder Sie tapezieren sogar ganze Räume mit Ihren Bildern. Das erinnert mich ein wenig an Theater, kann das sein?
Antwort Jörg Eberhard:
Ja, das stimmt. Erstens macht es mir viel Freude ins Theater oder zum Tanz zu gehen und zweitens denke ich wirklich beim Malen oft so wie einer, der ein Stück auf die Bühne bringen will. Ich tu einfach so, als seien alle die Dinge, die ich male, die Schauspieler mit bestimmten Rollen und ich baue denen dann ein Bühnenbild und gebe ihnen ihre Rollen.
Mehli:
Haben Sie sich gefreut, dass Sie bei der Kreissparkasse den Eingang umgestalten durften? Die vielen Fenster zusammen sind ja auch fast ein eigener Raum. Und niemand weiß so richtig, was hinter den Bildern kommt. Wollten Sie das so geheimnisvoll haben?
Antwort Jörg Eberhard:
Klar habe ich mich gefreut! Meistens male ich meine Bilder im Atelier einfach nur für mich und weiß noch gar nicht, ob die irgendwann irgendeiner haben will.
Wenn ich ein Bild für eine bestimmte Stelle malen kann und so in etwa weiß, welche Leute das jeden Tag sehen werden, dann kann ich mir vorher sehr genau vorstellen, welche Dinge im Bild vorkommen sollen, wie groß sie gemalt werden, welche Farbe sie haben und welche nebeneinander stehen werden. Geheimnisvoll sind Bilder immer, denn man kann nur auf sie draufschauen, aber so gut wie nie hindurchschauen. Deshalb sieht man auch nicht in die Sparkasse hinein.
Viele Leute meinen, dass man auf Bildern auch noch etwas hinter den dargestellten Dingen sehen kann. Dabei ist es schwierig genug, alles das zu erkennen, was einfach hingemalt ist und ohne weiteres zu sehen ist.
Mehli:
Sie sammeln Bilder von Gegenständen, aus denen Sie dann Ihre Kunstwerke entwickeln. Ist Ihr Bilderarchiv in Ordnern untergebracht? Schneiden Sie zum Beispiel einen Gegenstand aus einem Prospekt aus und kleben ihn auf ein Papier oder wie kann ich mir das vorstellen?
Antwort Jörg Eberhard:
Die meisten Dinge habe ich abgezeichnet oder fotografiert. Dann zeichne ich sie auf durchsichtige Folien und werfe sie mit dem Projektor auf die Leinwand um sie zu malen.
Einen Ordner habe ich nicht, sondern einfach einen Umschlag, in den ich die Folien hineinstecke. Es sind zwar sehr viele, aber bei der Arbeit finde ich schon die richtigen.
Mehli:
Haben Sie als Kind auch schon gerne Sachen und Bilder gesammelt?
Antwort Jörg Eberhard:
Nein. Ich habe gern mit Dingen gespielt, auf dem Sandhaufen Häuser gebaut, und ich habe mir sehr gerne Versandhauskataloge angeschaut und mir dabei vorgestellt, wie es wäre, mit den Dingen zu spielen. Haben wollte ich sie aber nicht.
Mehli:
Weil Sie als Kind keinen Sport mochten und kein Instrument gespielt haben, fingen sie einfach so im Keller das Malen an. Fanden das ihre Eltern o.k.? In der Schule war Kunst sicher Ihr Lieblingsfach!
Antwort Jörg Eberhard:
Was meine Eltern von meiner Malerei hielten, weiß ich gar nicht; ich habe mir darüber nie Gedanken gemacht. Ich dachte, das Malen ist so wichtig, dass das jeder sofort einsieht, warum man das macht.
Und in der Schule hatte ich nur sehr wenig Kunstunterricht. Den, den ich bekam, mochte ich schon sehr gern, aber Mathematik auch.
Mehli:
Und als Sie dann nach Düsseldorf aufbrachen, um Kunst zu studieren, wurden Sie hinterher nicht Kunstlehrer, sondern zunächst Künstler. Fanden Sie das spannender? Jetzt unterrichten Sie aber doch und sind sogar Professor und Künstler. Ist das nicht sehr stressig?
Antwort Jörg Eberhard:
Als ich mit dem Studium fertig war, hätte ich eigentlich an der Schule als Lehrer anfangen sollen. Da hat gerade ein Freund in Stuttgart eine Kunstgalerie gegründet und mich gefragt, ob ich eine Ausstellung machen will. Auf der wurden einige Bilder verkauft und ich dachte, wenn ich jetzt ganz sparsam bin, kann ich von dem Geld ein Jahr leben und arbeiten. (Ich habe da in einem winzigen, billigen Zimmer gewohnt.)
Dann gab es ein Stipendium von der Kunststiftung in Stuttgart und wieder einige Verkäufe und plötzlich war ich ein Maler, der von seinen Bildern lebte. Vor drei Jahren bin ich Professor an der Universität in Essen geworden. Das hat mein Leben sehr verändert. Ich unterrichte die Studenten (das tue ich sehr gerne), aber dann gibt es eine Menge Examen zu prüfen, spannende und langweilige Sitzungen zu überstehen und alle möglichen Pflichten zu erfüllen. Ich habe viel Verantwortung und die ist stressig.
Mehli:
Ihre Frau ist auch Malerin. Sie reden zu Hause wahrscheinlich viel über Kunst und gehen oft ins Museum. Und Ihre beiden Töchter, malen die gerne? Mögen sie lieber die Bilder von Papa oder von Mama?
Antwort Jörg Eberhard:
Meine beiden Mädchen malen und basteln wirklich gerne. Ins Museum gehen sie aber nur ungern. Fanny liest viele Bücher und treibt Sport und Elsa interessiert sich für Technik und wie Dinge funktionieren. Und Papa und Mama mögen sie wahrscheinlich lieber als deren Bilder.
Mehli:
Ihre Bilder tragen oft Titel, eines heißt zum Beispiel "alles dorthin". Haben Sie den Fenstern in der Kreissparkasse auch einen Titel gegeben?
Antwort Jörg Eberhard:
Nein, einen Titel haben die nicht bekommen. Ich habe das Gefühl, jedes einzelne Fenster müsste seinen eigenen Namen bekommen, weil jedes Fenster etwas ganz Eigenes meint. Die Dinge auf den Bildern sind doch gut zu erkennen und mit etwas Phantasie kann man selber Titel finden.
Mehli:
Und jetzt würde mich schon noch brennend interessieren, warum Sie lieber Vasen und Amphoren malen als Menschen? Verraten Sie mir das?
Antwort Jörg Eberhard:
Die Gefäße sind in meinen Bildern ganz oft die Darsteller für Menschen (und manchmal für Engel mit Flügeln). Dargestellten Menschen schaut man normalerweise zu und muss selber aus dem Bild draußen bleiben. In die Töpfe kann man sich "hineinfüllen" und hineinfühlen um so immer wieder einen anderen Platz im Bild einzunehmen.
Mehli:
Besonders gut gefallen mir bei Ihnen die kräftigen Farben. Ich finde zwar komisch, dass die Blumen blau sind, aber egal. Haben Sie eine Lieblingsfarbe. Oder gibt es vielleicht einen Gegenstand, den Sie immer in derselben Farbe malen?
Antwort Jörg Eberhard:
Es gibt die Dinge und die Art und Weise, wie man sie richtig gebraucht, um einen Nutzen davon zu haben. Alles was unnütz ist, wird von den meisten Leuten nicht bemerkt. Da haben wir Künstler eine Menge zu tun, damit all die Sachen wenigstens einen Moment beachtet werden, die sonst überhaupt nicht wahrgenommen werden.
Helles Grau mag ich gern, nicht weil es besonders schön ist, sondern weil alle anderen Farben daneben prächtig aussehen.
Ich glaube, inzwischen male ich jeden Gegenstand in der Farbe, die mir gerade am besten erscheint. Die Farbe hat eine Bedeutung, die Form hat eine Bedeutung, der Gegenstand hat eine Bedeutung, die Art, wie ich die Farbe auftrage, hat eine Bedeutung. Mit allem zusammen kann ich im Bild "reden".
Mehli:
Lieber Herr Eberhard, jetzt habe ich Sie mit meinen Frage gelöchert. Wahrscheinlich würden mir noch Hundert weitere einfallen. Die stelle ich Ihnen dann mal zusammen mit ein paar anderen Kindern in Ravensburg, einverstanden?
Antwort Jörg Eberhard:
Das machen wir!